Jugendliche im Migrationskontext

In allen Gesellschaften und zu allen Zeiten gelten Jugendliche als eine Gruppe, die besonderer Beachtung bedarf. Jede Generation wundert sich über die nächste heranwachsende Generation, versteht ihre Sprache nicht, schimpft über ihre Kleider oder empfindet sie als unbesonnen und leichtfertig. Auch im Migrationskontext werden Jugendliche immer wieder in den Fokus genommen und oft als Problemgruppe dargestellt.

Die Eidgenössische Migrationskommission EKM hat sich verschiedentlich mit Aspekten befasst, die junge Migrantinnen und Migranten betreffen. Sie hat die Frühjahrsausgabe 2010 von «terra cognita» dem Thema «Kinder und Jugendliche» gewidmet und dabei eine breite Palette von Themen aufgegriffen: Bildungswege und Wertehaltungen, die Frage der Lehrstellensuche, die Erwartungen der Eltern an die jungen Menschen oder die Situation von unbegleiteten Minderjährigen, die auf dem Asylweg in die Schweiz gekommen sind. Ergänzend dazu wird von einer Reihe von Projekten berichtet, die speziell auf Jugendliche im Migrationskontext ausgerichtet sind.

terra cognita 16: Kinder und Jugendliche

Jugend und Bildung

In einer früheren Ausgabe von «terra cognita» wurde speziell die nachobligatorische Bildungsphase thematisiert. Auch wenn die Artikel bereits älteren Datums sind, sind (leider) viele darin gemachten Befunde heute noch aktuell. Dies gilt insbesondere für die Diskriminierung auf dem Lehrstellenmarkt, von der insbesondere junge Männer betroffen sind.

terra cognita 2: Bildung

Mit den verschiedenen Aspekten von Integration im Bereich der obligatorischen Schule befasst sich die Schweizerische Konferenz der Erziehungsdirektorinnen und -direktoren EDK. Betreffend die Schulung von fremdsprachigen Kindern hat sie 1991 Empfehlungen erarbeitet, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Die EDK bekräftigt dabei den Grundsatz, dass alle in der Schweiz lebenden Kinder Zugang zur schulischen Bildung haben, nicht diskriminiert werden dürfen und das Recht des Kindes, Sprache und Kultur seines Herkunftslandes pflegen zu dürfen, respektiert werden soll.

Empfehlungen EDK

Betreffend die Frage religiös motivierter Dispense vom Schulunterricht haben einzelne Kantone so genannte «Handreichungen» erarbeitet.

Handreichungen der Kantone

Speziell im Hinblick auf den Übergang von der obligatorischen Schule zur Sekundarstufe II verabschiedete die EDK weitere Empfehlungen. Sie halten im Grundsatz fest, dass die Zusammenarbeit mit den Verbundpartnern Bund und Organisationen der Arbeitswelt die Nahtstelle obligatorische Schule-Sekundarstufe II so zu bewirtschaften ist, dass alle Jugendlichen, ungeachtet ihrer Herkunft, die Möglichkeit haben, einen ihren Fähigkeiten angepassten Abschluss auf der Sekundarstufe II erreichen zu können.

Empfehlungen EDK: Nahtstelle obligatorische Schule - Sekundarstufe II

Jugend und Gewalt

Ein Thema, das im Zusammenhang mit Jugendlichen im Migrationskontext immer wieder auftaucht, ist Gewalt. Die Vorgängerkommission der EKM, die Eidgenössische Ausländerkommission EKA, hat sich vertieft mit dieser Frage befasst und eine Studie in Auftrag gegeben, die möglichen Ansätzen von Prävention nachgegangen ist.

Die zentralen Aussagen des Berichts, dass eine erfolgreiche Prävention möglichst früh einsetzen, den verschiedenen Lebensbereichen Rechnung tragen und familiäre, schulische und nachbarschaftliche Umfelder berücksichtigen soll, bestätigen das von der Kommission vertretene Verständnis von Integration als einem Prozess, der sowohl den einzelnen Menschen betrifft als auch eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft ist. Integration heisst Partizipation. Für alle. Und in allen Bereichen. Gewaltprävention soll deshalb nicht Symptombekämpfung sein. Sie soll Integrationsprozesse so unterstützen, dass sie einem einvernehmlichen Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen dient.

Materialien zur Migrationspolitik: Prävention von Jugendgewalt

Aufgrund der Beschäftigung mit der Thematik «Jugend und Gewalt» wurde die EKM eingeladen, sich bei der Ausarbeitung eines Nationalen Präventionsprogramms unter Federführung des Bundesamts für Sozialversicherung zu beteiligen. Die zentralen Eckwerte des Programms wurden an einer nationalen Konferenz im Frühjahr 2012 vorgestellt.

Jugend und Gewalt

Jugendliche Sans-Papiers

Im Rahmen ihrer Beschäftigung mit dem Thema Sans-Papiers hat sich die Kommission speziell auch mit der spezifischen Situation jugendlicher Sans-Papiers befasst.
Schwieriger als im Bereich der obligatorischen Schule gestaltet sich die Lage im Bereich der postobligatorischen Bildung. Zwar zeigen sich zahlreiche Mittelschulen (z.B. Gymnasien) entgegenkommend und nehmen auch Jugendliche ohne Aufenthaltspapiere auf. Bei der Abwägung ausländerrechtlicher Aspekte und dem in der Kinderrechtskonvention verbrieften Recht auf Bildung wird dem Interesse der Jugendlichen zumeist Vorrang gegeben. Hingegen bleibt ihnen die Möglichkeit einer dualen beruflichen Grundausbildung noch immer verwehrt, da der dafür notwendige Arbeitsvertrag an eine gültige Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung gekoppelt ist. Ohne Aufenthaltsbewilligung erhalten sie keine Arbeitsbewilligung, ohne Arbeitsbewilligung keine Lehrstelle.
Im Hinblick auf eine konsequente Anwendung des Völkerrechts und die Umsetzung der Kinderrechtskonvention hält es die EKM für angebracht, Sans-Papiers nicht nur den Zugang zum obligatorischen Schulunterricht sowie zu allgemeinbildenden Mittelschulen auf Sekundarstufe II und zum Studium auf Tertiärstufe zu ermöglichen, sondern ihnen auch die Berufsbildung zu ermöglichen. Eine entsprechende Verordnungsänderung ist in Diskussion.

Thema: Sans-Papiers: Aktuelle Debatte

nach oben Letzte Änderung 15.06.2018