Der Wandel macht Angst, nicht die Zuwanderung.

Bern, 18.12.2020 - Rasante Veränderungen rufen Abwehrreaktionen hervor. Die Zuwanderung wird zwar als Teil des gesellschaftlichen Wandels wahrgenommen. Es ist jedoch nicht die Migration für sich, die Angst bereitet, sondern Begleiterscheinungen von Wachstum: starke Bautätigkeit, wachsende Verkehrsbelastung oder befürchtete Verarmung des Soziallebens. Zu diesen Erkenntnissen führt die neuste Studie der Eidgenössischen Migrationskommission EKM. Die aufsuchende Studie «Mit- und Nebeneinander in Schweizer Gemeinden – Wie Migration von der ansässigen Bevölkerung wahrgenommen wird» zeichnet ein vielfältiges Bild der Befindlichkeiten. Dabei wird auch deutlich, dass eine Mehrheit der Befragten viel Wert auf den lokalen Austausch und Begegnungsmöglichkeiten legt.

Rund 45 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz leben heute in Agglomerationen. An diesen Orten ist die Entwicklung der letzten Jahrzehnte am deutlichsten erkenn- und spürbar. Im Rahmen der Studie wurden acht Gemeinden (Agno, Belp, Le Locle, Losone, Lutry, Oftringen, Rheinfelden, Rümlang) aufgesucht. Das ergebnisoffene Vorgehen umfasste informelle Gespräche, Kurzinterviews und eine spielerische Tablet-Befragung.

Zuwanderung als Teil des gesellschaftlichen Wandels

Die Menschen sind sich sowohl der positiven wie auch der negativen Aspekte des Wandels bewusst. Und sie beurteilen diese wesentlich differenzierter, als es in politischen Debatten häufig zum Ausdruck kommt. Zuwanderung wird meist in Verknüpfung mit anderen Themen und selten als herausragendes Problem direkt angesprochen. Eine ablehnende Haltung bezüglich der Veränderungen in der Agglomeration kann sich jedoch in einer kritischen Einstellung gegenüber Zugewanderten niederschlagen: Das geschieht insbesondere dann, wenn diese nicht nur als Teil, sondern als Verursacher des gesellschaftlichen Wandels wahrgenommen werden. Die beklagte Umwelt- oder Verkehrsbelastung, intensive Bautätigkeit und Individualisierung der Gesellschaft würden durch sie in besonderem Masse verstärkt und die Qualität des Zusammenlebens beeinträchtigen.

Präsenz und Teilnahme sind wichtiger als Herkunft.

Zusammenleben mit Menschen aus «näher gelegenen Ländern» wird als problemloser eingestuft. Die Studie zeigt jedoch auch auf, dass längere Anwesenheit und Teilnahme am lokalen Leben die Bedeutung relativiert, die Ansässige der Herkunft von Gemeindebewohnerinnen und -bewohnern beimessen. Die Beteiligung am Wirtschaftsleben und die Sprachkompetenz werden als wichtige Voraussetzungen für die Aufnahme ins lokale Kollektiv gewertet. Aus lokaler Perspektive kann dies auch als Ausdruck des Willens und Interesses der ansässigen Bevölkerung am Austausch mit Neuzugezogenen gedeutet werden.

Pessimistische Einstellung gegenüber Veränderungen korreliert mit einer Skepsis gegenüber Migration.

Die Grundhaltung gegenüber Veränderungen variiert je nach Anwesenheitsdauer, Ortsverbundenheit, Alter und politischer Orientierung. Insbesondere ältere, langansässige und ortsverbundene Menschen sind dem lokalen Wachstum und der Zuwanderung von Personen aus dem Ausland gegenüber tendenziell kritischer eingestellt. Ihnen ist es ein grosses Anliegen, das Ortsbild, die umliegende Landschaft, aber auch die lokalen Gepflogenheiten zu bewahren. Umgekehrt betrachten tendenziell junge, mobile, politisch links eingestellte Menschen sowie Frauen und Personen mit Migrationshintergrund Veränderungen und Zuwanderung häufiger als Normalität. Negative Einstellungen gegenüber Ausländerinnen und Ausländern sind somit Ausdruck von Vorbehalten gegenüber sozialem Wandel und Modernisierung.

Es braucht eine Balance zwischen Vielfalt und Gemeinschaft.

Für die Gestaltung der Zukunft von Agglomerationsgemeinden ist es wichtig, die Bedürfnisse aller Einwohnerinnen und Einwohner zu berücksichtigen und Brücken zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen zu schlagen. Rascher Wandel sollte daher von den Verantwortlichen in einer Gemeinde ausreichend begleitet, kommuniziert und wenn möglich auch partizipativ geplant werden.


Adresse für Rückfragen

Sibylle Siegwart, Eidgenössische Migrationskommission EKM,
T +41 58 465 85 02, M +41 79 877 55 32, sibylle.siegwart@ekm.admin.ch



Herausgeber

Eidgenössische Migrationskommission
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Letzte Änderung 10.06.2020

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