Acht Denkanstösse

In ihrem Positionspapier «Migrationsgesellschaft Schweiz – 8 Denkanstösse zum Thema Potenzial» führt die EKM ihre Überlegungen zum Potenzialbegriff aus. Sie beleuchtet dabei verschiedenste Aspekte und zeigt auf, dass es sich lohnt, den Blick nicht auf die Herkunft von Personen zu richten, sondern auf deren individuellen Fähigkeiten und Talente. Die Förderung von Potenzialen beinhaltet deswegen auch den Abbau diskriminierender Barrieren und die Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe. Denn, so die Schlussfolgerung: «Eine Schweiz, die auf die Potenziale aller ihrer Bewohnerinnen und Bewohner setzt, ist zukunftsfähig und gerüstet, in einer globalen Welt zu bestehen.»

Jeder Mensch verfügt über eine Reihe von Fähigkeiten, Begabungen und Qualifikationen, die «sein Potenzial» darstellen. Diese grundlegende menschliche Disposition zeichnet die Möglichkeiten aus, die ein Mensch im Verlauf seiner Biographie zur Entfaltung bringen kann. Je nach sozio-ökonomischer Lage sind die Voraussetzungen und Chancen, die eigenen Potenziale tatsächlich entwickeln zu können, unterschiedlich. Eher schwierigen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind oftmals auch Personen, die nicht über die Schweizer Staatsbürgerschaft verfügen. Dies(e strukturelle Benachteiligung) führt dazu, dass die Potenziale von Zugewanderten vielfach nicht erkannt und gefördert werden und deshalb nicht zum Tragen kommen können.

Die Potenziale von Menschen sind das Kapital einer Gesellschaft. Sie zu entdecken, anzuerkennen, wertzuschätzen und zu fördern muss das Ziel einer jeden Gesellschaft sein. Fähigkeiten und Talente unentdeckt schlummern zu lassen oder zu vernachlässigen, bedeutet nicht nur, dass Menschen enttäuscht werden und sich innerlich von der Gesellschaft verabschieden, sondern auch, dass auf Potenziale verzichtet wird, die zum Fortbestehen der Gesellschaft ein Gewinn wären.

Migrantinnen und Migranten erleben oft, dass ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu wenig oder nicht beachtet werden. Oder die Qualifikationen und Fähigkeiten, über die sie verfügen, werden als «nicht adäquat» oder «unbrauchbar» eingestuft. Dies ist nicht nur zum Nachteil der Betroffenen, sondern der gesamten Gesellschaft.

Über Migrantinnen und Migranten wird häufig unter dem Blickwinkel von Defiziten gesprochen. Vielfach werden sie als Last empfunden, als Personen, die Mängel wettzumachen haben, um als «gleichwertig» mit Einheimischen zu gelten. Die Zuordnung zu Kategorien (wie zum Beispiel «Ausländer», «Migrantin», «Person mit Migrationshintergrund») verstellt den Blick auf das persönliche Potenzial einer Person. Es ist daher angezeigt, Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, sondern aufgrund ihrer individuellen Fähigkeiten und Begabungen zu beurteilen.

Eine solche Haltung einzunehmen, lohnt sich in verschiedensten Situationen und Handlungsfeldern: bei der Selektion im Bildungswesen, beim chancengleichen und diskriminierungsfreien Zugang zum Arbeitsmarkt, bei einer nicht entwertenden Berichterstattung in den Medien oder bei der einer partizipativen Umsetzung von Integrationsvorhaben. Der Blick auf das, was Menschen können und mitbringen, eröffnet Perspektiven, wie gesellschaftliche Prozesse zum Wohle aller und nicht nur einer bestimmten Gruppe (der Einheimischen) gestaltet werden können.

Seit ihrem Bestehen hat die Schweiz von der Innovationskraft, dem Erfindergeist und der Schaffenskraft von Zugewanderten profitiert. Neben herausragenden Persönlichkeiten, die Firmen gründe(te)n, Tüftlern, die Präzisionsgeräte entwickel(te)n und herstell(t)en, gab und gibt es die grosse Anzahl von Menschen, die die Schweiz bauen, die persönliche Dienstleistungen erbringen, die Geschäfte für Schweizer Firmen tätigen, die die Schweizer Kulturszene bereichern, etc. Die Fruchtbarmachung der vielfältigen Potenziale aller in der Schweiz wohnhaften Personen trägt zur Attraktivität der Schweiz als Arbeitsplatz und Lebensraum bei.

Die Schweizer Wirtschaft ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen: An jedem vierten Arbeitsplatz arbeitet eine Person ohne Schweizer Pass. Waren es in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren noch vornehmlich Arbeitskräfte in tendenziell niedrig qualifizierten Berufen, sind es in den letzten Jahrzehnten viele Hochqualifizierte, die zum Blühen der hiesigen Volkswirtschaft beitragen. Nach wie vor verrichten aber auch zahlreiche ausländische Arbeitskräfte Arbeiten im Niedriglohnbereich, die von Inländern nicht übernommen werden (wollen). In der Öffentlichkeit scheint es selbstverständlich, dass dem so ist. Die Anerkennung der Leistungen von Migrantinnen und Migranten – vor allem in tendenziell niedrig oder mittel qualifizierten Berufen oder bei Aktivitäten, bei denen nicht direkt ein ökonomischer Nutzen ausgemacht werden kann – wird allerdings vielerorts und vielfach vermisst. Eine entsprechende Politik, die sich der Wertschätzung verpflichtet, trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

Der Beitrag von Zugewanderten in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen – sei dies in der Kunst, im Sport oder in der Gastronomie – wird bei Reden zur Integrationspolitik gerne hervorgehoben. Meist geht es um herausragende Leistungen, die eine besondere Beachtung rechtfertigen und dem Ruhm der Schweiz dienen. Weniger im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen alle jene Menschen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, die in Nachbarschaften aktiv sind, die sich auf lokaler Ebene politisch betätigen, die sich in Eltern- oder Schulräten einbringen, die in Netzwerken von Einheimischen und Zugewanderten tätig sind, die in Freiwilligenarbeit Kinder oder Betagte betreuen oder die mit kreativen Ideen Denkprozesse anregen.
Diese von der Öffentlichkeit weniger beachteten Aktivitäten tragen jedoch viel zum Wohl von Gemeinwesen bei. Ohne dieses bürgerschaftliche Engagement würde die Lebensqualität in der Schweiz an Attraktivität deutlich verlieren. 

Laut Bundesamt für Statistik verfügten 2013 2,4 Millionen der 6,8 Millionen in der Schweiz lebenden Menschen, die älter als 15 Jahre alt sind, über einen so genannten Migrationshintergrund. Vier Fünftel davon kamen im Ausland zur Welt, während ein Fünftel in der Schweiz geboren wurde, jedoch im Ausland geborene Eltern hat. Rechnet man Personen unter 15 Jahren hinzu und zählt man auch Schweizerinnen und Schweizer dazu, die längere Zeit im Ausland gelebt haben, verfügen noch mehr Menschen in der Schweiz über Migrationserfahrung. Auch in Zukunft wird die Schweiz von einer Bevölkerung geprägt sein, für die Migration und Migrationserfahrungen zum Normalfall gehört. Immer mehr Menschen werden in ihrer persönlichen Biographie oder in der ihrer Familie Migrationsgeschichten aufweisen, und es ist – nicht zuletzt aus demographischen Gründen – absehbar, dass dies künftig auf die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung zutreffen wird.

Dies nicht als Bedrohung und als Defizit, sondern als Tatsache und sogar als Bereicherung und als Chance zu sehen, heisst auch, die Fähigkeiten, die im Zusammenhang mit Migrationserfahrungen entwickelt und geschult wurden, wahrzunehmen und anzuerkennen: Flexibilität, Mehrsprachigkeit, Kompetenz im Umgang mit verschiedenen kulturellen und sozialen Milieus, Durchsetzungsvermögen, Unerschrockenheit oder Gelassenheit im Umgang mit unbekannten Situationen.

Personen ohne Schweizer Pass verfügen in vielen Belangen nicht über die gleichen Rechte wie Schweizerinnen und Schweizer. Je nach Aufenthaltsstatus sind die Unterschiede kleiner oder grösser; eine befristete oder unbefristete Aufenthaltsbewilligung entscheiden darüber, wie jemand sein Leben in der Schweiz gestalten kann. Die Mehrheit von Ausländerinnen und Ausländern kann – ausgenommen in einigen wenigen Kantonen – keine formalen politischen Rechte ausüben. Auf eidgenössischer Ebene kann ein Viertel der Bevölkerung nicht an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen, auf lokaler Ebene ist rund eine Million Menschen davon ausgeschlossen. Unterschiede bei der Behandlung auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen, auf dem Wohnungsmarkt oder anderen gesellschaftlichen Bereichen erfahren jedoch nicht nur ausländische Staatsangehörige. Auch Eingebürgerte erleben Ungleichbehandlung oder Diskriminierung aufgrund eines fremd klingenden Namens, wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer ehemaligen Nationalität.

Ein Land jedoch, das auf die Potenziale der gesamten Wohnbevölkerung angewiesen ist, muss daran interessiert sein, diskriminierende Hindernisse und Barrieren abzubauen und Möglichkeiten der Partizipation für alle zu eröffnen. Eine Gesellschaft, in der eine steigende Anzahl von Menschen von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen ist, hat ein Demokratiedefizit.

Die Schweiz hat es in der Vergangenheit geschafft, dank der Nutzung der vielfältigen Potenziale seiner Bewohnerinnen und Bewohner, inklusive der zahlreichen ausländischen Arbeitskräfte und ihrer Familien, weltweit Spitzenplätze einzunehmen: etwa bei der Berufsbildung, bei der Wettbewerbsfähigkeit, bezüglich demokratischer Teilhabe. Dies spiegelt sich in der hohen Lebensqualität des Landes. Zukunftsfähig bleibt die Schweiz in einer globalen Welt aber nur dann, wenn sie es schafft, die vielfältigen Fähigkeiten, Kenntnisse und Talente seiner Bevölkerung (weiterhin) zur Entfaltung zu bringen. Hier vermehrt auf die durch Migrationserfahrungen entwickelten Kompetenzen von Zugewanderten und Einheimischen zu setzen, kann nur gewinnbringend sein. Eine Schweiz, die sich als Migrationsgesellschaft versteht und die einem umfassenden Potenzialansatz verpflichtet ist, kann sich von einer Zweiteilung der Gesellschaft in Einheimische und Zugewanderte verabschieden, denn dann erübrigen sich entsprechende Zuschreibungen. 

Positionspapier

Die Printversion kann beim Sekretariat der EKM bestellt werden. 

nach oben Letzte Änderung 22.06.2016